Wer heute über die „Deutsche Wildstraße“ von Oberstadtfeld nach Neroth fährt, wird nicht vermuten, dass der bewaldete „Nerother Kopf“ rechts der Straße, oberhalb des Rastplatzes, eine mittelalterliche Burgruine verbirgt. Wie mag der Berg wohl ausgesehen haben, als im 14. Jahrhundert der König von Böhmen und Graf von Luxemburg dort oben eine Burg errichten ließ?blicknerotherkopf

Ende des 20. Jahrhunderts war der Nerother Kopf mit 140jährigen hochstämmigen Buchen besetzt, davor war der Gipfel wahrscheinlich kahl und nackt, und die Abhänge waren leicht bebuscht; dies jedenfalls berichtete Nose noch im Jahre 1788[i] in seinen „ Orographischen Briefen über das Siebengebirge und die benachbarten, zum Theil vulkanischen Gesteine beyder Ufer des Nieder-Rheins an Herrn Josef Paul Edeln von Cobre, im zweiten Teil. Auf jeden Fall wird man einen weiten Blick ins Land gehabt haben; denn wer sein Land verteidigen will, braucht freie Sicht, um den Feind von Weitem erkennen zu können. Dafür war der Nerother Kopf mit seiner Gipfelhöhe von 647 m besonders gut geeignet. Er gilt in diesem Teil der Eifel als einer der bedeutendsten Burgträger.

Der Nerother Kopf ist ein erloschener Vulkan jüngeren Datums. Er entstand vor etwa 15000 Jahren, als hier die Erde aufbrach und glühendes Magma aus der Erdtiefe hervorquoll. Damals bildete sich eine Bruchzone im Erdgestein, die den Ursprung für den Vulkanzug „Westeifel“ bildete. Dieser verläuft von Bad Bertrich an der Mosel über Daun und Gerolstein bis nach Ormont in der Schnee-Eifel und streift die Nerother Senke im Nordosten. Die Silhouette der Vulkane in der hügeligen Eifellandschaft ist unübersehbar, und als sichtbare Zeugen der vulkanischen Vergangenheit präsentieren sich hier der Nerother Kopf (647 m), der Riemerich (601 m) bei Neunkirchen, der Goosberg (595 m) bei Walsdorf und der Scharteberg (691 m) bei Kirchweiler.

Der gesamte Burgkegel besteht aus glutflüssigem Gestein, das aus dem Erdinneren aufgestiegen ist und in hervorquellendem Zustand zu Lavafelsen erstarrte. Es ist ein poröses Schlackengestein von großer Härte. Ein noch glühender Lavastrom ergoss sich nach Norden und Westen (zum heutigen Neroth hin) und bildet um den bewaldeten Bergkegel herum eine leicht geneigte Terrasse, auf der heute Ackerbau betrieben wird. An ihrem Bruchrand, der jetzt bewaldet ist, findet man in großer Zahl Lavabomben und Krotzen und auch die Überreste eines Mühlsteinbruchs. Der südliche nach Oberstadtfeld gerichtete Rand besteht aus Lavasand und Aschen.

Direkt neben dem Nerother Kopf nach Süden hin erhob sich der Kalenberg (636 m), ebenfalls ein Bergkegel vulkanischen Ursprungs, der jedoch ausschließlich aus Lavasand und Schaumlava besteht und deshalb leider zur Sandgewinnung freigegeben worden ist. Der Nerother Kopf und Kalenberg waren als Zwillingsberge seltene Wahrzeichen der Vulkaneifel.

Der Nerother Kopf ist nicht nur wegen seines landschaftsbestimmenden Charakters und seiner vulkanischen Vergangenheit bemerkenswert, sondern auch aus kulturgeschichtlichen Gründen. Lavaschlacke war schon in früher Zeit ein Werkstoff fürmhlsteinhhle 2 die Gewinnung von Mühlsteinen und in der Vulkaneifel weit verbreitet. Auch der Nerother Kopf lockte die Mühlsteinhauer, denn an seinem Gipfel stand der Lavafels in senkrechten Wänden an. So konnte man direkt an der Oberfläche des Gesteins die Form des Mühlsteins freihauen und dann durch fortwährende Fäustelschläge auf die Bahn des Schrothammers den Mühlstein vom Felsen lösen. Dann erst nahmen die Steinhauer die Feinbearbeitung an Ort und Stelle vor, indem sie zuerst die eine Seite, dann die andere behandelten. Dass bei dieser schweren und gewichtigen Arbeit auch die Steine zerbrachen, manchmal erst im letzten Augenblick, kann man sich vorstellen.

Solche halbbehauenen oder zerbrochenen Mühlsteinrohlinge kann man jetzt noch oberhalb der Höhle, von Moos überzogen, finden. Die Steinhauer haben sich nämlich nach und nach in den Fels hineingearbeitet, und es ist anzunehmen, dass eine kleinere Mühlsteinhöhle schon vorhanden war, als um das Jahr 1340 mit dem Bau der Burg begonnen wurde. An Ort und Stelle ist zu sehen, dass die Grundmauern des Burgrings auf den Rand der Höhle gesetzt worden sind. Wie groß die Höhle zu diesem Zeitpunkt war und wann mit dem Hauen der Mühlsteine dort begonnen wurde, lässt sich heute leider nicht mehr feststellen.

Dagegen ist nachgewiesen, dass König Johann von Böhmen, genannt der Blinde, als Graf von Luxemburg die Burg um 1340 hat erbauen lassen. Sie gehörte zu der großen Zahl von Befestigungen in der Grafschaft Luxemburg, durch die der König die Grenzen der Grafschaft sichern oder vortreiben wollte. Jedenfalls fühlte sich dadurch der Erzbischof Balduin von Trier bedroht, und als der König 1346 gefallen war, erklärte sein Sohn, König Karl IV., dass die Bewachung und Unterhaltung der Burgen zu kostspielig sei. Er habe deshalb einige dieser neuen Burgen – so auch die Nerother Burg – dem Erzbischof Balduin überlassen. Ihm diente sie 1352 zur Bezwingung der Burg Daun.

In der Königsurkunde zur Übergabe der Burgen werden u.a. genannt: Freudenburg bei Mettlach an der Saar, Freudenstein bei Brockscheid/Tettscheid und Freudenkoppe bei Daun. Mit der letzteren ist unsere Nerother Burg gemeint, und von der alten Bezeichnung hat der Volksmund den Namen „Kopp“ für den Nerother Kopf bis heute überliefert. Man findet die Bezeichnung „Kopp“ auch noch in der amtlichen Kartenaufnahme der Rheinlande 1803 – 1820 von Tranchot-Müffling im Maßstab 1:25000.

Warum König Johann die Neugründungen mit dem Wort „Freude“ bezeichnet hat, ist nicht bekannt. Wenn man aber der Wortgeschichte nachgeht, so kann man vermuten, dass das Wort Freude der germanischen Sprachwurzel „frei“ entstammt, die den Begriff „Schutz, Friede“ mit abdeckt. Somit ließe sich Freudenkoppe erklären als Burg auf der Höhe, zum Schutze der Handelswege, zum Schutz des Erzbistums und Kurfürstentums Trier gegen die freien Grafen von Daun. Eines steht jedenfalls fest, dass unsere Burg den ersten Teil ihres Namens dem Umstande verdankt, dass sie mit den anderen gleichzeitig benannt wurde.

Freudenkoppe war nie der Sitz eines Ritter- und Grafengeschlechts. Sie war immer Landesburg von Luxemburg bzw. Trier, und wenn mit ihr später adelige Geschlechter in Verbindung gebracht wurden, dann waren diese nicht Eigentümer der Burg, sondern nur Burgmannen oder Burggrafen des Grafen von Luxemburg, später Balduins; d.h., sie erhielten ein erbliches Lehen in Freudenkoppe und mussten dafür eine bestimmte Anzahl von Wochen die Burg hüten und beschirmen. Urkundlich ist nachzuweisen, dass im Jahre 1440 Arnold von Sirk zum erblichen Burggrafen von Freudenkoppe und Freudenburg ernannt wurde. Er muss es auch gewesen sein, der das feste Burghaus am Südabhang des Nerother Berges, aber außerhalb der Burganlage, erbaut hat. Wahrscheinlich war die Freudburgalteansichtenkoppe als ständiger Wohnsitz nicht geeignet; denn die Burganlage hatte nur eine Ausdehnung von durchschnittlich 40 x 75 Metern, und der Bergfried mit einem Umfang von gut 10 x 10 Metern war als Wohnraum zu klein. Wann die Burg aufgegeben oder zerstört und ausgeraubt wurde, ist nicht überliefert. Vielleicht hat Balduin sie bald nach ihrem Einsatz gegen Daun zerfallen lassen oder sie fiel um 1690 der Franzosenzeit zum Opfer, als nachweislich auch Hillesheim, Daun und Steinborn im Pfälzer Krieg Ludwigs XIV. „geplündert und tyrannisch traktiert“ worden sind.

Von den Resten der Burg ist der Bergfried am besten erhalten. Das feste Mauerwerk von 1,1 m Stärke besteht aus Bruchsteinen von Lavaschlacke, die z.T. rechteckig bearbeitet und sorgfältig mit Mörtel aus Lavasand verfugt sind. Besonders auffallend sind die vielen Rüstlöcher an der Außenseite, die einen wertvollen Einblick in die Bauweise der damaligen Zeit geben. Zu sehen sind auch große Teile der Buburgturmrgmauer (Zwingmauer). Das ganze Burgplateau ist an drei Seiten von einem Trockengraben umzogen, unter der vierten Seite befindet sich der Zugang zur Mühlsteinhöhle.

Die Ruine des freistehenden Burghauses aus dem 15. Jahrhundert macht heute noch einen imposanten Eindruck. Von dem ca. 16 x 11 m großen, rechteckigen Gebäude sind die beiden 12 m hohen Giebel und die bergseitige Wand erhalten; nur die Südseite ist eingestürzt. So vermittelt die Ruine einen hervorragenden Einblick in die Baukunst vor 500 Jahren: Man erkennt die Löcher im Mauerwerk für die freitragenden Deckenbalken des dreigeschossigen Gebäudes. An beiden Giebeln sind die Kaminnischen und Rauchabzüge bis zum First zu sehen, und die Fensteröffnungen haben selbsttragende gewölbte Fensterstürze aus Grauwacke. Besonders eindrucksvoll sind die drei gewaltigen Strebepfeiler, die das Haus an der Südostecke gegen den Abhang stützen.

Das Baumaterial von Burg und Burghaus besteht aus Lavaschlacke, die direkt in der Mühlsteinhöhle geschlagen wurde. So waren die Transportwege äußerst kurz. Als die Burg verfallen oder ausgeraubt worden war, hat man in der Höhle wieder Mühlsteine gehauen. Jedenfalls berichtete Nose 1768, dass dort vier Mühlsteinbrüche in Betrieb waren. Heute noch erkennt man an manchen Stellen – auch im Deckengewölbe – Steinsetzungen und Mühlsteinablösungen. So wurde die Höhle immer größer, bis sie schließlich das heutige imponierende Ausmaß hatte. Doch hat nachgerutschtes Erdreich den ursprünglichen Höhlenboden bedeutend erhöht und auch einen Gang verschüttet, der mit großer Wahrscheinlichkeit links vom Eingang in den Fels hinein und vielleicht sogar zu einem Seitenausgang führte. Die Höhle hat heute eine Tiefe von 18 Metern und eine Gewölbehöhe von 10 Metern, sodass ein Einfamilienhaus leicht darin hätte errichtet werden können. Auf den Besucher macht das hohe Schlackengewölbe einen wunderlichen Eindruck, und auch der Blick aus der Höhle hinauf in die mit Buchengrün überkronte Felsschlucht macht den Betrachter nachdenklich. Es ist klar, dass sich um eine solche geheimnisvolle Örtlichkeit seit alters her Sagen gewoben haben. So meinen die einen, dass es einen unterirdischen Gang zur Kasselburg (bei Pelm) gebe, während eine andere Sage berichtet, dass der Nerother Kopf mit der Altburg (bei Schalkenmehren) in Verbindung stehe. Dburgmannenhauser Volksmund sagt heute: „Op dem Nerother Kopp, da sitzt der Deuwel drob, fährt unter der Erde durch bis auf die Altburg“.

In den Bereich der Fabeln gehört auch die Ansicht, dass die Nerother Burg ihr Entstehen dem Kaiser Nero verdanke, der hier oben eine Burg gehabt haben soll. Noch heute trägt in Neroth eine Gaststätte den Namen „Zur Neroburg“, doch bedeutet Neroth nichts anderes als eine Verkürzung von Niederroth (von ausroden, ausrotten, urbar machen). Im Gegensatz zu Oberroth, einem Hofe auf dem Wege nach Kirchweiler, der längst eingegangen ist.

Vulkankegel, Höhle und Burgruine sind das Ziel zahlreicher Forscher, Naturfreunde und Wanderer. So führt der Eifelsteig, der Hauptwanderweg Nr. 15 des Eifelvereins (von Cochem über Daun-Pützborn und Neroth nach Prüm) über den Nerother Kopf. Außerdem ist er durch örtliche Wanderwege von Neroth und Daun aus erschlossen.

In der Sylvesternacht 1919/20 trafen sich in der Nerother Höhle acht Wandervögel. Sie waren von den Zwillingen Robert und Karl Oelbermann zusammengerufen worden, um durch die Gründung eines neuen Jungenbundes die Erneuerung des Wandervogels zu betreiben, „der damals zu sehr ins Diskutieren und Reden gekommen war“. Dies war die Geburtsstunde des Bundes „Nerother Wandervögel“. Robert, der damalige Bundesführer, kam aufgrund seiner Überzeugung in einem Konzentrationslager ums Leben; Karl gab nach dem Kriege dem Bund neue Impulse. Er starb 1974 im Alter von 78 Jahren, doch der Nerother Wandervogel lebt heute noch weiter mit 1200 Mitgliedern. In Anerkennung und Verbundenheit mit den Wandervögeln hat die Gemeinde Neroth der Straße, die den Weg zum Gipfel weist, den Namen „Oelbermannstraße“ gegeben.

So hat der Nerother Kopf eine bewegte Vergangenheit, und unter der grünen Kuppel des Buchenwaldes kann man die einzelnen Epochen seiner Geschichte nacherleben: von der Erdgeschichte über das Mittelalter bis zur Neuzeit. Dessen war sich auch die Verwaltung bewusst, als sie 1978 den Landschaftsraum mit und um den Nerother Kopf zum Naturschutzgebiet erklärte und im Jahre 1980 die besondere Unterschutzstellung von „Mühlsteinhöhle und Burgruine, sowie des Burghauses“ als Kulturdenkmal verfügte. Insofern hat man also die Nerother Burg nicht vergessen, doch geht es jetzt um die Erhaltung der dem Verfall preisgegebenen Ruinen. Der Nerother Kopf ist zwar der Hausberg von Neroth und trägt auch dessen Namen, doch liegt das Areal auf dem Gebiet der politischen Gemeinde Stadt Daun. Sie ist durch die Eingemeindung von Neunkirchen auch Eigentümerin der gesamten Anlage geworden.

Am 17.10.1981 fand auf dem Nerother Kopf eine Ortsbesichtigung statt, an der alle beteiligten Behörden teilnahmen; es waren dies das Landesamt für Denkmalspflege, die Stadt Daun, der Kreis Daun, Verbandsgemeinde Daun, die Forstverwaltung und die benachbarte Verbandsgemeinde Gerolstein zusammen mit dem Ortsbürgermeister von Neroth. Alle Teilnehmer bekundeten die Notwendigkeit, schleunigst Erhaltungsarbeiten in die Wege zu leiten. Seit diesem Termin ist aber das Verfahren ins Stocken geraten. Der Grund hierfür ist die prekäre Finanzlage der öffentlichen Hand. Wenn es auch in dieser Situation nicht möglich ist, die Ruinen zu restaurieren, so sollte wenigstens die Konservierung der vorhandenen und sehr eindrucksvollen Bruchsteinmauern erreicht werden. Sie haben in den letzten Wintern erheblich unter Witterungseinflüssen gelitten, sodass es höchste Zeit wird, die noch vorhandenen Zeugen des handwerklichen Baugeschehens aus dem Mittelalter vor dem Verfall zu retten.

„An der Erhaltung und Pflege der Burgreste besteht aus städtebaulichen Gründen und zur Förderung des geschichtlichen Bewusstseins und der Heimatverbundenheit ein öffentliches Interesse. Die Unterschutzstellung hat zum Ziel, die Erhaltung und Pflege der historischen Ruinen zu gewährleisten und für die Zukunft sicherzustellen!“ Mit dieser Begründung wurden die Ruinen auf dem Nerother Kopf dem Denkmalschutz und –pflegegesetz des Landes Rheinland-Pfalz unterworfen. Damit ist zugleich die Stadt Daun als Eigentümerin aufgefordert, Mittel und Wege zu suchen, um gemeinsam mit anderen Gewährsträgern bis hinauf zum Landeskonservator das gesetzliche Gebot zur Erhaltung der Burgruinen zu verwirklichen.

Mitte der 1990er Jahre konnten die ersten Schritte der Sanierungsarbeiten getan werden, damit nicht doch noch der Eindruck entstehe, es handele sich um eine – „Vergessene Burg“. Auf Bemühungen des Eifelvereins und der Stadt Daun wurden mit ca. 1 Mio. DM, inklusive Zuschüssen des Landes Rheinland-Pfalz, die Sanierungsarbeiten an der Burg durchgeführt und Hinweistafeln aufgestellt. Die Höhle kann heute nicht mehr betreten werden. Der Heimatverein Neroth pflegt regelmäßig das Gelände um die Burg.

 
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